Johannes Brahms, Nachtwache II (op. 104 Nr.2), gesungen von: UniversitätsChor München, Leitung: Johannes Kleinjung, Aufnahme vom 19. Juli 2010

256px-JBrahms„Nachtwache II“ ist der zweite der Fünf  Gesänge für gemischten Chor, op. 104 von Johannes Brahms. Er ist in Es-Dur im 3/2 – Takt notiert. Die jeweils tiefen Chorstimmen (Alt und Bass) sind zur Sechsstimmigkeit verdoppelt.

Im Folgenden wollen wir zunächst den vertonten Text betrachten, um dann eine grobe Gliederung des Chorstücks vorzunehmen. Anhand dieser Gliederung wollen wir den melodischen Aufbau und die Motivik anschauen, die Brahms verwendet hat. Mit einem Überblick über die harmonische Entwicklung werden wir zum Abschluss versuchen, den Bogen zurück zum Text zu schlagen.

1. Der Text

In dem Stück vertont Brahms eine Elegie¹) aus Friedrich Rückerts »Nachtwachen«²):

Ruhn sie? rufet das Horn des Wächters drüben aus Westen,
und aus Osten das Horn rufet entgegen: Sie ruhn!

Hörst du, zagendes Herz, die flüsternden Stimmen der Engel?
Lösche die Lampe getrost, hülle in Frieden dich ein.

Dieses Klagegedicht umfasst zwei elegische Distichen. Der Text handelt von der Ruhe in der Nacht, der der ängstliche Mensch sich mit Zuversicht überlassen soll, kann er sich doch von Wächtern und Engeln bewacht wissen. Allerdings kann die Elegie auch als Sterbelied gelesen werden: Die getrost zu löschende Lampe, das Einhüllen in Frieden, die flüsternden Engelstimmen, das aus Osten gerufene »sie ruhn!« könnten darauf hindeuten.

2. Die Gliederung des Chorsatzes

Wie setzt Brahms diesen Text musikalisch um? Schauen wir uns zuerst die Gliederung des Stückes an.

  1. Teil (T. 1 – 9):
    T. 1-2 Ruhn sie?
    T. 3-4 rufet das Horn
    T. 5-9 und aus Osten

  2. Teil (T. 10 – 12) Hörst du,

  3. Teil (T. 13 – 21)
    T. 13 – 15 Lösche die Lampe
    T. 16 – 21 hülle in Frieden

Brahms gliedert seine Vertonung in drei Teile (T. 1 – 9; T. 10 – 12; T. 13 – 21). Dabei orientiert er sich an dem formalen Aufbau des Textes in zwei elegischen Dichticha. Der erste Teil der Komposition umfasst die erste Strophe des Textes. Der zweite Teil setzt neu an mit dem Hexameter der zweiten Strophe. Davon durch die deutliche Zäsur einer halben Pause getrennt folgt im dritten Teil die Vertonung des Pentameters der zweiten Strophe.

3. Der erste Teil

Kommen wir nun zu den Besonderheiten jedes der drei Teile. Der erste Teil beginnt mit dem vierfachen Frageruf »Ruhn sie?«, jeweils zwei miteinander verschränkt. Die insgesamt abwärtsgerichtete Bewegung wird von dem herabspringenden Quartmotiv (T. 1-2: S, T, BI+II) bestimmt. Dieses Motiv wird bis Takt 4 in den Bässen beibehalten. Über ihnen bringen die anderen Stimmen den weiteren Text des ersten Verses. Die durch gebrochene Dreiklänge beherrschte Melodik ist dabei insgesamt aufwärtsgerichtet. Das rhythmische Motiv,

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Abb. 1 Achtelmotiv

Das von Brahms zur Abbildung des Textrhythmus eingesetzt wird, durchzieht abgesehen von den letzten sechs Takten die ganze Vertonung. Es verstärkt den evozierten Klangeindruck von Hörnern³).
Der zweite Vers der ersten Strophe ist imitatorisch zwischen dem Oberchor und den beiden Tenören wiederum in Dreiklangsmelodik gesetzt. Auch hier dominiert ein Quartsprung, der diesmal aufwärtsgerichtet ist (T. 5-6, S, T).

Die über 2 ½ Takte lang gestreckte Abwärtsbewegung im Sopran zum Textabschnitt »sie ruhn!« wird von den Altstimmen mitgetragen. Dagegen setzen die Männerstimmen Quartsprung aufwärts So wird der Tonraum von über zwei Oktaven in T. 7 auf eine Oktave in T. 9 verringert.

4. Der zweite Teil

Nun folgt der zweite Teil. Den ersten Vers der zweiten Strophe beginnen die Stimmen nacheinander um jeweils den Abstand einer Viertelnote bzw. halben Note versetzt, um in T. 16-17(»Stimmen der Engel?«) gemeinsam zu schließen. Die Melodieführung verändert sich, wird dadurch sanglicher, dass Brahms auf Sprünge verzichtet und dafür Terz- und Sekundschritte einsetzt.

5. Der dritte Teil

Der dritte Teil greift nach einer halben Pause mit seinen sukzessiven Einsätzen, zunächst im unisono auf ges` in den Frauenstimmen, dann auch in den Männerstimmen, wieder den Satz von T. 5f. auf.
Brahms 104_2 Osten

Abb. 2 T. 5 / 12 Sopran

Die beiden Teile dieses letzten Verses sind in T. 15 eng miteinander verknüpft. Der letzte Halbvers auf »hülle« erscheint wie eine auskomponiertere Variante der textlich korrespondierenden T. 7-9. Allerdings führt Brahms als neues kompositorisches Mittel das Melisma ein. Zudem verlangsamt sich der Satz durch den Wegfall des weiter oben erwähnten Achtelnotenmotivs. Der Satz endet mit dem in allen Stimmen ein- bis zweimal wiederholten Rufs »in Frieden«. Der hauptsächlich abwärts geführte Melodiebogen führt die Stimmen wieder in tiefer Tonlage zusammen.

6. Harmonik und Tonalität

Wenden wir uns zum Abschluss der Frage der Harmonik und Tonalität zu. Wie bereits erwähnt hat Brahms den Satz in Es-Dur komponiert. Wir befinden uns also im b-Tonbereich des Quintenzirkels. Dieser wird im ersten Teil von T. 1-4 durch den Wechsel von Tonika und Dominante (Es und B(7)) etabliert und von T. 6-9 durch Ausweitung der Kadenzharmonik auf den subdominantischen Bereich (As) und die Tonikaparallele (c) stabilisiert. Der zweite Teil von T. 10-12 wendet sich stärker in den subdominantischen Bereich und geht über die Stationen b – As – f – Des und die vollständige Kadenz wieder zurück nach Es. Der dritte Teil beginnt nach der Pause mit einer Rückung nach Ces und seiner Subdominante Fes, um über as nach Es zu gelangen. Der Abschluss des Werkes ist wieder in reiner Kadenzharmonik gehalten. Insgesamt ist das Stück harmonisch subdominantisch angelegt, ein tonales Gegengewicht im dominantischen Bereich gibt es nicht. Bei der Textstelle »Lösche die Lampe« befinden wir uns im Quintenzirkel 5 Quinten unterhalb der Grundtonart. Es ist nicht zuletzt dieses harmonische »In-die-Tiefe-ziehen« des musikalischen Satzes, das eine Ausdeutung des Werkes als Sterbegesang nahezulegen scheint.


 

¹) Siehe Meischein, Burkhard: Weltliche Chorwerke a cappella, in: Brahms Handbuch. S. 314-329, insbes. S. 324. J.B. Metzler und Bärenreiter, Stuttgart und Kassel 2009.

²) Textwiedergabe und Notenbeispiele  folgen der Ausgabe Brahms, Johannes: Weltliche a-Capella-Gesänge, -für gemischten Chor-, Heft II, Opus 93a, 104. S.60-62. Edition Peters. Leipzig 2001.

³)  Die Motivik aus Quarten bzw. gebrochenen Dreiklängen entspricht jedenfalls dem Tonvorrat der Naturtonskala, die auf dem Horn offen geblasen werden können. Siehe Ahrens, Christian: Art. Hörner. In: Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 4 (Sachteil), S. 382, Sp. 2, J.B. Metzler und Bärenreiter, Stuttgart und Kassel 1996.



 

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