„Natur“ wird immer wieder als Argument verwendet, um bestimmte Ansichten zu stärken. Aber wie funktioniert diese Argumentation? Und beweist sie tatsächlich, was sie zu beweisen vorgibt?

1. Einleitung

„Natürlichkeit“ wird gern als Argument ins Feld geführt, wenn es jemandem darum geht, bestimmte Praktiken zu begründen. Dieser Argumentation folgend sei beispielsweise die Mutter für den Säugling zuständig, weil nur sie ihm die Brust geben und ihn so – auf natürliche Weise – ernähren kann, während dem Vater dies nicht möglich und er daher für den Säugling nicht zuständig sei.

 

In dieser dreiteiligen Serie möchte ich die Frage diskutieren, ob das Argument der „Natürlichkeit“, des „Naturgegebenen“, ein belastbares Argument für oder gegen bestimmte menschliche Praktiken darstellen kann.

2. Der Aufbau der Argumentation – Die erste Argumentation

Im hier vorliegenden ersten Teil wollen wir nachvollziehen, wie die Argumentation aufgebaut ist. Schauen wir uns das Säuglings-Beispiel genauer an:

Wir haben zwei Prämissen und eine Konklusion:

(P1) Die Mutter kann den Säugling auf natürliche Weise ernähren.

(P2) Der Vater kann den Säugling nicht auf natürliche Weise ernähren.

(K) Die Mutter ist für den Säugling zuständig.

Gehen wir davon aus, dass P1 und P2 wahr sind. Da die Prämissen nur etwas über eine natürliche Weise sagt, nichts jedoch über Zuständigkeiten, lässt sich aus diesen beiden Prämissen nicht die Konklusion K ableiten. Es fehlt eine begründende Annahme, die etwas über die „natürliche Weise“ aussagt. Eine solche Annahme könnte sein:

(P3) Was natürlich ist, ist richtig.

Aus P1 und P3 kann nun geschlossen werden, dass das, was natürlich ist, auch richtig ist:

(P1) Die Mutter ernährt den Säugling auf natürliche Weise.

(P3) Was natürlich ist, ist richtig.

(K2) Es ist richtig, dass die Mutter den Säugling ernährt.

Diese Argumentation ist gültig (d.h. wenn die Prämissen wahr sind, ist auch die Konklusion wahr.) Es fragt sich jedoch, ob sie auch schlüssig ist (d.h. sie ist gültig und die Prämissen sind wahr)? Die Prämissen wollen wir uns im zweiten Teil des Serie genauer anschauen.

 

3. Der Aufbau der Argumentation – Die zweite Argumentation

Nehmen wir erst einmal an, auch P3 sei wahr und die Argumentation damit schlüssig. Dann ist auch die Konklusion K2 wahr, der zufolge es richtig ist, dass die Mutter den Säugling ernährt. Aus K2 folgt jedoch nicht K, also die allgemeine Zuständigkeit der Mutter für den Säugling. Auch hier muss, um ein vollständiges Argument zu erhalten, eine begründende Prämisse eingeführt werden, etwa:

(P5) Wer den Säugling ernährt, ist für ihn zuständig.

Die Argumentation lautet nun:

(K2=P4) Es ist richtig, dass die Mutter den Säugling ernährt.

(P5) Wer den Säugling ernährt, ist für ihn zuständig.

(K) Die Mutter ist für den Säugling zuständig.

Auch diese Argumentation ist gültig. Aber ist sie auch schlüssig, also sind ihre Prämissen wahr?

 

4. Ausblick

Im zweiten Teil dieser Serie wollen wir uns einzelne Prämissen genauer anschauen. Im dritten Teil schließlich wenden wir uns der Argumentation zu und untersuchen, was sich daraus ableiten lässt und was nicht.



 

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