„Natur“ wird immer wieder als Argument verwendet, um bestimmte Ansichten zu stärken. Lässt sich logisch von der Natürlichkeit einer Praktik auf deren Richtigkeit schließen?

1. Einleitung

Im ersten Teil dieser Serie haben wir den Aufbau einer Argumentation betrachtet, die beweisen soll, dass „Natur“ ein Argument für bestimmtes menschliches Handeln ist. Wir haben nachvollzogen, welche Prämissen gesetzt sind bzw. hinzugenommen werden müssen, um gültige Argumentationen aufzustellen. Zur Erinnerung: Eine Argumentation ist dann gültig, wenn es zutrifft, dass wenn die Prämissen wahr sind, auch die Konklusion wahr ist.
Im zweiten Teil wollen wir uns nun die aufgestellten Prämissen genauer anschauen, d.h. wir wollen versuchen festzustellen, ob die Prämissen tatsächlich wahr sind. Denn nur in diesem Fall wäre die Argumentation nicht nur gültig, sondern auch schlüssig. Eine Argumentation ist, wie bereits im ersten Teil festgestellt worden ist, schlüssig, wenn sie gültig ist und ihre Prämissen tatsächlich wahr sind.

2. Die beiden Prämissen unseres ersten Arguments

Unsere erste Argumentation basierte auf den beiden Prämissen

(P1) Die Mutter ernährt den Säugling auf natürliche Weise.

(P3) Was natürlich ist, ist richtig.¹

Die erste Prämisse (P1) dürfte grundsätzlich als wahr gelten. Das Säugen des eigenen Nachwuchses mit im Mutterleib produzierter Milch ist gerade ein wesentliches Kriterium für Säugetiere, zu denen auch der Mensch gehört.

Vor ernsthafte Probleme stellt uns die zweite Prämisse (P3). Nehmen wir zunächst an, wir wüssten, was „natürlich“ ist. Dann stellt sich die Frage, wie wir von der Annahme, etwas sei „natürlich“ zu der nächsten Annahme, etwas sei „richtig“, gelangen. Für diesen Übergang könnten wir uns auf eine Autorität wie etwa eine Gottheit, einen antiken Philosophen, heilige Schriften und ähnliche Quellen berufen. Diese Art des Schließens wird „argumentum ex auctoritate“ genannt. Und sie ist ein Fehlschluss. Denn statt einer sachlichen Begründung berufen wir uns einfach auf jemanden, „der es wissen muss“.

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3. Verschiedene Begründungsversuche

Würde es helfen, eine Begründung in der Natur selbst zu suchen? Wir könnten beispielsweise annehmen, dass das, was natürlich ist, deshalb richtig ist, weil die Natur es gemacht hat. Nur hätten wir so einen Zirkelschluss formuliert, dessen Konklusion sich selbst als Prämisse voraussetzt. Wie wäre es dann mit folgender Annahme: Was natürlich ist, ist deshalb richtig, weil die natürliche Entwicklung stets zweckmäßig ist. Tatsächlich handeln wir uns damit sofort neue Probleme ein. Denn zum einen müssen wir nun begründen, weshalb das, was zweckmäßig ist, richtig sein soll. Wir haben also unsere Begründungspflicht nur verschoben. Zum anderen haben wir mit der Zweckmäßigkeit ein neues Element eingeführt, sodass wir nun auch noch begründen müssen, warum das Natürliche zweckmäßig sei.

Dasselbe Problem haben wir bei allen ähnlichen Attribuierungen der Natur, wie beispielsweise der Behauptung, das Natürliche sei richtig, weil es „gut“, „notwendig“ oder „normal“ sei. Auch hierbei müsste jeweils die entsprechende Folgebeziehung bewiesen werden. Warum ist dies so schwierig? Die Natur trifft keine Aussagen, weder über sich selbst, noch darüber, wie sie sein sollte. Die Regeln, die wir Menschen über die Natur aufgestellt haben, haben eben wir Menschen aufgestellt, nicht die Natur. Es sind dies Naturgesetze, die stets unter wissenschaftstheoretischen Vorbehalten stehen. Sie mögen sich bisher bewährt haben. Sie mögen sich auch noch über einen langen Zeitraum hinweg bewähren. Wir können sie anwenden, unter ihrer Zugrundelegung erwartete Ergebnisse erzielen. Einen endgültigen Beweis ihrer Wahrheit haben wir bisher jedoch nicht. So ist selbst das Kausalitätsprinzip, dem die Naturgesetze folgen, philosophisch umstritten.

4. Der Status unseres Zugriffs auf „Natur“

Und wir haben noch einen Punkt zu beachten, wenn wir das „Natürliche“ als das „Richtige“ bezeichnen, nämlich die Frage, was genau das „Natürliche“ ist. Unser Zugriff auf die Natur ist nicht unmittelbar, sondern kulturell vermittelt. Daher begegnen wir nie voraussetzungslos „der Natur“, sondern unser Blick auf sie ist bereits durch unsere Sichtweisen geprägt. Diese haben sich zwar auch im und durch den Umgang mit der Natur entwickelt. Dennoch sind sie stets Interpretationen, unsere Interpretationen von uns und unserer Umwelt, zu der die Natur gehört (auch dies eine Interpretation aus unserer menschlichen Perspektive). Insofern sind unsere „Naturerkenntnisse“ eben genauso auch „Naturinterpretationen“. Das Natürliche erweist sich als das für uns Natürliche.

5. Fazit und Ausblick

So bleibt uns, wie bereits weiter oben erwähnt, uns auf eine Gottheit oder eine heilige Schrift oder heilige Überlieferung zu berufen, um den in der Prämisse 3 gemachten Übergang argumentativ zu stärken. Diese Argumentation hatten wir als „argumentum ex auctoritate“ bezeichnet, weil sie sich auf eine Autorität und nicht auf ein Argument stützt. Aber auch wenn wir dies außer Betracht lassen, schließen sich sofort weitere Fragen an, die zum einen deren Existenz, zum anderen deren Willen bzw. Wissen sowie unser Wissen von ihrem Willen und Wissen betreffen.

Doch nehmen wir einmal an, dass wir beweisen könnten, dass die Natur von einer Gottheit geschaffen wurde und außerdem so, wie sie geschaffen wurde, auch richtig ist – oder allgemeiner gesagt, dass wir davon ausgehen können, dass unsere beiden Prämissen (P1) und (P3) wahr sind, damit auch unsere Konklusion (K2), unser Argument also schlüssig ist. Was folgt daraus für unsere Frage nach dem Status der Natur als Argument?

Diese Frage wird im dritten Teil dieser Serie beantwortet werden.


¹ Die zweite Argumentation wollen wir hier nicht beleuchten. Deren erste Prämisse (P4) entspricht der Konklusion des ersten Arguments. Ihre zweite Prämisse (P5) „Wer den Säugling ernährt, ist für ihn zuständig“ stellt uns  vor ähnliche Probleme wie die hier diskutierte Prämisse (P3), nämlich die Begründung für den Übergang von der faktischen Tat zu der geforderten Zuständigkeit.



 

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